Stiftskirche St. Servatius auf dem Quedlinburger Schlossberg
Quedlinburg hat über 2000 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten, und trotzdem schaut jeder zuerst nach oben: Auf einem Sandsteinfelsen über der Altstadt stehen das ehemalige Stiftsgebäude, heute Schloss genannt, und die Stiftskirche St. Servatius. Hier begann die Geschichte der Stadt – und ein Stück deutscher Geschichte.

Königshof, Grablege, Damenstift
König Heinrich I., der erste König aus dem sächsischen Haus der Ottonen, legte Quedlinburg als befestigten Königshof an. Er starb 936 und wurde in einer Kapelle auf dem Burgberg beigesetzt. Noch im selben Jahr gründete sein Sohn Otto I. auf Fürsprache der Königinwitwe Mathilde ein Damenstift, eine Gemeinschaft adliger Frauen, die für das Seelenheil des Königshauses beteten und zugleich über großen Grundbesitz verfügten. Die Äbtissinnen von Quedlinburg gehörten zu den mächtigsten Frauen des Reichs. Das Stift bestand bis 1802; seither heißt das Stiftsgebäude Schloss.
Die Kirche von heute
Die heutige Stiftskirche entstand nach einem Brand im Jahr 1070 und wurde zu Pfingsten 1129 in Anwesenheit König Lothars III. geweiht. Es ist eine dreischiffige, flach gedeckte Basilika, in der sich Säulen und Pfeiler abwechseln – ein Kennzeichen der sächsischen Romanik. An Kapitellen und Friesen finden sich Pflanzen- und Tiermotive, besonders Adler, in deren Ornamentik Fachleute lombardische Einflüsse erkennen. Der Hohe Chor wurde bis 1320 gotisch umgebaut.
Ein Abstieg in die Krypta gehört zu jedem Besuch. Hier liegt die Grabanlage der Stifter, also König Heinrichs I. und seiner Frau Mathilde; an der Decke sind Reste mittelalterlicher Malerei mit biblischen Szenen erhalten. Der Bau erlebte im 20. Jahrhundert auch dunkle Jahre: Die Nationalsozialisten missbrauchten die Kirche für ihren Heinrich-Kult. Heute wird sie wieder von der evangelischen Gemeinde genutzt.
Der Domschatz
Der Quedlinburger Domschatz gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenschätzen in Deutschland: Reliquiare, Handschriften, liturgische Geräte und Textilien. Seine jüngere Geschichte klingt wie ein Kriminalroman. 1945 wurden zwölf Stücke aus ihrem Versteck gestohlen und in die USA gebracht. Erst Jahrzehnte später tauchten sie wieder auf; zehn davon kehrten Anfang der 1990er Jahre nach Quedlinburg zurück. Heute ist der Schatz in eigenen Räumen an der Kirche ausgestellt.
Kirche und Domschatz lassen sich auf eigene Faust besichtigen, Führungen lohnen sich aber, weil viele Details erst mit Erklärung verständlich werden. Die Zeiten wechseln saisonal.
Welterbe und Altstadt
Seit 1994 stehen Stiftskirche, Schloss und Altstadt als Ensemble auf der UNESCO-Welterbeliste. Das macht den Besuch leicht: Vom Markt ist man in wenigen Minuten oben, und auf dem Rückweg führen die Gassen am Finkenherd vorbei, wo die Feininger-Sammlung und das Klopstockhaus liegen. Von der Mauer des Schlossbergs aus sieht man über die Dächer bis zum Münzenberg mit den Resten eines weiteren Klosters.
Abgewogen: Quedlinburger Schlossberg
Spricht dafür
- Grabkirche des ersten ottonischen Königs und eines der Hauptwerke der Romanik.
- Der Domschatz ist einzigartig und hat eine spannende Geschichte.
- Direkt mit der Welterbe-Altstadt und ihren Museen kombinierbar.
- Weitgehend wetterunabhängig.
Spricht dagegen
- Der Aufstieg über Kopfsteinpflaster ist steil.
- Bei Gottesdiensten, Konzerten und Veranstaltungen eingeschränkt zugänglich.
- An Sommerwochenenden und zur Adventszeit viele Besucher in der Stadt.
- Ohne Führung oder Vorwissen bleibt vieles an den Kapitellen stumm.
Unser Fazit: Pflichtprogramm für alle, die sich für das Mittelalter interessieren, und mit der Altstadt zusammen einer der besten Tage, die der Harz zu bieten hat. Wer nur „einmal kurz reinschauen“ will, verpasst mit dem Domschatz das Beste.
Quellen und mehr: Stiftskirche St. Servatius und UNESCO-Welterbeeintrag Quedlinburg.


