Grube Samson in Sankt Andreasberg: die letzte Fahrkunst der Welt
Sankt Andreasberg liegt hoch im Oberharz, ein Bergstädtchen mit steilen Straßen und weitem Blick. Am Ortsrand stehen die hölzernen Tagesgebäude eines Bergwerks, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Dahinter verbirgt sich eines der bedeutendsten Montandenkmale Europas: die Grube Samson, das letzte vollständig erhaltene Bergwerk des historischen Oberharzer Erzbergbaus.

Silber aus der Tiefe
Bergbau gab es in Sankt Andreasberg schon vor 1487. Wann die Arbeit am Samson begann, ist nicht genau überliefert; man geht von den frühen 1520er Jahren aus. Abgebaut wurde vor allem Silber, und zwar mit großem Erfolg: Anfang des 19. Jahrhunderts lag die Ausbeute meist über zwei Tonnen im Jahr, 1822 wurden über drei Tonnen erreicht. Die Grube war zu ihrer Zeit eines der tiefsten Bergwerke der Welt, am Ende rund 840 Meter tief.
Auch Goethe war hier. Am 12. Dezember 1777 fuhr er auf seiner ersten Harzreise in die Grube ein und notierte danach in seinem Tagebuch, das sei ihm „sehr sauer“ geworden. Als die Silbererträge Anfang des 20. Jahrhunderts einbrachen, schloss das Bergwerk 1910. Die letzte Schicht fuhren am 31. März 80 Bergleute.
Die Fahrkunst
Das Herzstück der Grube ist die Fahrkunst, eine Maschine, mit der die Bergleute ein- und ausfuhren. Früher mussten sie über Hunderte Meter Leitern steigen, eine Schinderei, die viel Arbeitszeit und Kraft kostete. Die Fahrkunst besteht aus zwei langen Gestängen im Schacht, die sich gegenläufig auf und ab bewegen. An beiden sind in regelmäßigen Abständen Trittbretter und Haltegriffe angebracht. Der Bergmann steht auf einem Tritt, wird ein Stück bewegt, steigt in der Totlage auf das andere Gestänge um und wird von diesem weitergetragen – Stufe für Stufe.
Die Fahrkunst der Grube Samson wurde 1837 eingebaut und ist die letzte funktionsfähige der Welt. Bis 1922 trieb sie ein großes Wasserrad mit zwölf Metern Durchmesser an; heute übernimmt das ein Elektromotor. Das Kunstrad wird für Besucher nur noch zu Vorführzwecken mit Wasser beaufschlagt. 1987 nahm die American Society of Mechanical Engineers die Grube in ihre Liste internationaler historischer Maschinenbau-Denkmäler auf.
Wasser als Energie
Das Wasser kam über den Rehberger Graben aus dem Oderteich, einem Teil des Oberharzer Wasserregals. Dieses System aus Teichen, Gräben und Stollen versorgte die Bergwerke des Oberharzes mit Energie und gilt als bedeutendstes vorindustrielles Wasserwirtschaftssystem des Bergbaus. Bis heute arbeitet es weiter: Im Schacht der Grube Samson liegen zwei kleine Wasserkraftwerke, die einen großen Teil des Stroms für Sankt Andreasberg erzeugen.
Seit 2010 gehört die Grube Samson zusammen mit dem Oberharzer Wasserregal und dem Kloster Walkenried zur Welterbestätte des Rammelsbergs. Wer die Stätte als Ganzes verstehen will, besucht beide Bergwerke.
Was Besucher erleben
Bei der Führung sieht man die Fahrkunst in Bewegung, die Wasserräder und die Tagesgebäude. Ein Museum erklärt Geologie, Bergbau und die berühmten Mineralfunde der Grube; das seltene Mineral Samsonit wurde hier 1910 zum ersten Mal gefunden. Im Gaipel ist außerdem ein kleines Museum zum Harzer Roller untergebracht, einer Kanarienvogelrasse, die im Oberharz gezüchtet wurde.
Abgewogen: Grube Samson
Spricht dafür
- Die letzte funktionsfähige Fahrkunst der Welt, in Bewegung zu sehen.
- Vollständig erhaltenes Bergwerk mit Wasserrädern und Tagesgebäuden, Teil des Welterbes.
- Überschaubarer Besuch, gut mit Wanderungen am Wasserregal zu verbinden.
- Für Technikinteressierte außergewöhnlich anschaulich.
Spricht dagegen
- Kein langer Weg durch Stollen, der Fokus liegt auf Technik.
- Sankt Andreasberg liegt abseits, die Anfahrt über Bergstraßen dauert.
- Führungen zu festen Zeiten, nicht jeden Tag.
- Für kleine Kinder eher trocken.
Unser Fazit: Für Technik- und Bergbauinteressierte ein Muss, weil man hier etwas sieht, das es nirgends sonst mehr gibt. Wer nur einen Stollen von innen sehen will, ist am Rammelsberg besser aufgehoben – die Samson-Führung ist kürzer und technischer.
Weiterführend: Grube Samson in der Wikipedia.


